Blindgänger
Substantiv, m:

Worttrennung:
Blind·gän·ger, Plural: Blind·gän·ger
Aussprache:
IPA [ˈblɪntˌɡɛŋɐ]
Bedeutungen:
[1] abgeschossener Sprengkörper, der aufgrund eines defekten Zünders oder einer defekten Sprengladung am Detonationspunkt des Ziels nicht explodiert (und für längere Zeit unentdeckt liegen bleibt)
[2] salopp: jemand, der das von ihm Erwartete nicht leisten kann, der zu nichts taugt und ständig versagt
[3] jemand, der eine/seine Arbeit schlecht ausführt
[4] Handlung, die sich als verfehlt erweist
[5] Unternehmung oder dergleichen, die (unerwarteterweise) enttäuschend, negativ, schlecht ausgeht
[6] militärischer Vorgesetzter, der sich keiner großen Beliebtheit erfreut
[7] ein sich (unter Berufung auf Gewissensgründe) dem Kriegs- beziehungsweise Militärdienst verweigernder Wehrdienstpflichtiger
[8] ein sich seiner Pflicht zu entziehen suchender Mann
[9] ein in Kriegszeiten nur Garnisonsdienst in der Heimat leistender Soldat
[10] Soldat, der einen ungefährlichen Posten hinter der Front innehat
[11] eine Flasche Bier, Wein oder dergleichen, die leer ist oder geleert wird
[12] Flatus, der statt des zu erwartenden Exkrements aus dem After entweicht
[13] jemand, der gerne und häufig angibt/aufschneidet/prahlt
[14] jemand, von dem (fälschlicherweise, irrtümlicherweise) angenommen/vermutet wird, er meine alles besser zu wissen und dränge sich belehrend vor
[15] eine sich nicht an andere Menschen anschließende und keinen Kontakt zu ihnen suchende oder findende Person; einzelgängerische Person
[16] Mann, der (noch) nicht verheiratet ist
[17] Junge, der keine Freundin hat
[18] unfreiwillige Ejakulation
[19] Ejakulation, die nicht zur Schwängerung geführt hat
[20] jemand, der (immer wieder) beim Geschlechtsverkehr versagt
[21] anorgasmischer Koitus
[22] eine verheiratete und kinderlose Person
[23] Mann, der zeugungsunfähig ist
[24] jemand, der Ehebruch begeht
Herkunft:
[2–5] Diese aus sinnbildlicher Vorstellung von etwas Versagendem hervorgegangenen Bedeutungen sind seit 1900 bezeugt.
[6] Diese Bedeutung ist bereits soldatensprachlich im Ersten und Zweiten Weltkrieg bezeugt. Die Benennung zielt darauf ab, dass der unbeliebte Vorgesetzte nicht „krepiert“.
[7, 14] Diese Bedeutungen sind seit 1914 bezeugt.
[8, 22] Seit 1960 bezeugt, sind diese Bedeutungen vom Bundessoldatendeutsch in die Umgangssprache eingegangen.
[9, 10] Beide Bedeutungen sind seit 1914 bezeugt und wurden von der Soldatensprache in die Umgangssprache übernommen.
[11, 13] Diese Bedeutungen sind bereits soldantensprachlich im Ersten und Zweiten Weltkrieg bezeugt.
[12, 18–20] Seit 1910 sind diese Bedeutungen bezeugt.
[15–17] Diese Bedeutungen sind seit 1955 bezeugt und von der Halbwüchsigensprache in die Umgangssprache eingegangen.
[23] Bezeugt ist diese Bedeutung seit 1950.
[24] Diese Bedeutung ist seit 1920 bezeugt. Die Benennung zielt darauf ab, dass der Ehebrecher nicht am vorgesehenen Ort „explodiert“.
Synonyme:
[1] fachsprachlich: nicht detoniertes Kampfmittel, Kampfmittelaltlast, explosiver Kampfmittelrückstand
[1] umgangssprachlich: kalte Ente, Kalter
[1, 2] umgangssprachlich: Ausbläser, faules Ei, Niete
[4] Fehlleistung
[5] Fehlschlag
[7] Kriegsdienstverweigerer, Wehrdienstverweigerer
[7] umgangssprachlich: Dr. Kimble/Dr. Richard Kimble, Drückeberger/Drückeberger mit Genehmigung, Durchblicker, Gewissensakrobat, Kneifer, Ohnemichel
[13] Großsprecher
[13] umgangssprachlich: Blubberkopf/Blubberkopp, Breimaul, Cassius, Knallschote, Laberarsch, Löwenmaul, Maulheld, große Schnute, große Waffel
[15] Einzelgänger / Einzelgängerin
[15] bildungssprachlich: Solitär
[15] umgangssprachlich: Ego-Tripper/Ego-Trippler, Eindecker, Einzelbrötler, lahme Ente, Extrakumpel, Extrawurschtler, Extrawurst, Gilb, lahmer Hund, armer Irrer, Mensch in innerer Emigration, Nebenseiter, Neger, Pisser, Querschläger, schwarzes Schaf, armer Siech, Solist, Solotänzer, Steppenwolf, Typ/blinder Typ, Zwickel/Zwickl
[16] Junggeselle
[16] umgangssprachlich: geheimer Bevölkerungsrat, Eindecker, Einzelmännchen, Matratzensolist, Schwiegermutterloser
[18] umgangssprachlich: kalter Bauer, Kalter, Kurzer, Überläufer
[21] umgangssprachlich: Fehlzünder, Kahlschlag, Starrkrampf
[23] veraltet: Anaphrodit
[24] Ehebrecher / Ehebrecherin
[24] umgangssprachlich: Abstecher, Außenspringer, Seitenspringer, Wechselreister
[24] veraltet: Adulter / Adultera
Gegenwörter:
[1] Irrläufer
[1, 2] Frühzünder
Beispiele:
[1] „Nicht immer freilich, denn bisweilen kam so ein großer, böser Vogel durch die Luft gerast, bohrte sich ein, warf Erde, Lehm und Dreck zur Seite und — schwieg. Schwieg, daß welche erleichtert scherzten: ‚Blindgänger, lieber Blindgänger, sage es deinen Brüdern, sie sollen es alle machen so wie du!‘“
[1] „In dieser Nacht wurde auch unser Haus von einer Bombe getroffen, von einem so genannten Blindgänger.
[1] „Den Schwerpunkt des Protokolls bilden Maßnahmen, die nach Beendigung eines bewaffneten Konflikts zu ergreifen sind, um die Gefahren und Wirkungen explosiver Kampfmittelrückstände auf ein Mindestmaß zu beschränken, z.B. durch die Räumung von nicht zur Wirkung gelangter explosiver Kampfmittel (so genannten ‚Blindgängern‘).“
[1] „Andererseits entstanden diese Altlasten neben gezielten Versenkungsaktivitäten unter anderem auch durch Fehlbombardierungen oder entstehen bis heute im Zusammenhang mit Militärmanövern und Munitionserprobungsgebieten und daraus resultierenden Blindgängern oder schlichtweg durch verlorengegangene Kampfmittel.“
[1] „Die Gefahr lauert unter uns, nur wenige Meter tief im Boden, überall in Deutschland: Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg. Zehntausende Blindgänger liegen immer noch, über 65 Jahre nach ihrem Abwurf, unentdeckt im Erdreich.“
[2] „Es ist nötig, sich Rüstzeug und Argumentationshilfen anzueignen gegenüber so vielen Blindgängern, die nichts begriffen haben.“
[2] „Die ganze Klasse dachte so, auch die drei Klassenmitglieder, die ich nicht zu Sekretären hatte schlagen können, weil sie nicht in der FDJ waren, solche gesellschaftlichen Blindgänger gab es ja durchaus, was ebenfalls mittlerweile vergessen zu werden droht.“
[2] „‚Ich sprech von ein paar Blindgängern aus meiner Gruppe, und du nimmst es persönlich…‘, beschwert er sich. Sie streift ihre Asche ab und beugt sich zu ihm vor: ‚Dummerweise sind diese Blindgänger nicht ganz so perfekt wie gewisse andere Menschen.[…]‘“
[3] „Eine Reihe dahinter sitzt der Küchenbulle Sieverle. Auch so ein Blindgänger. Ist das nicht überhaupt der Bursche, der neulich den Skandal verursacht hat, als die Mannschaften sich weigerten, Mittagessen zu fassen?“
[3] „Da muss die Spurensicherung sofort nochmal raus! Das haben diese Blindgänger vorhin garantiert nicht bemerkt.“
[3] „Ich weiß nicht, wer der nächste Präsident der USA sein wird, aber egal, wer es sein wird, die Amerikaner werden bestimmt nicht mehr so einen Blindgänger wie George Bush wählen.“
[4] „So benutzte sie ihr Liebesverhältnis mit dem Quäler, 1) um mich dazu zu provozieren, sie zu kritisieren und zu tadeln, damit sie sich dann um so freier fühlen könnte, ihr Ressentiment mir gegenüber zu bekennen und gegen mich als nun etablierte Über-Ich-Figur zu rebellieren; 2) um mich dazu zu veranlassen, mit Rat und Tat gegen einen mehr und mehr gefährlichen und brutalen Mann einzuschreiten und zu ihrem Schützer zu avancieren, also die schützende Funktion des Über-Ich zu übernehmen; und 3) vielleicht am prominentesten, um mich als unwirksam, unsere Einsichten als großartige Blindgänger und damit all mein Können und Wissen als lächerliche Prätention zu entlarven - in einer Umkehrung des Über-Ich-Verhältnisses: Nun wäre ich der klägliche Versager, nicht sie.“
[4] „Diese Sorge entpuppte sich als Blindgänger.
[5] „Andere Träume sind versackt, versandet, oder sie erwiesen sich bei Erfüllung als Blindgänger.
[5] „Hier kommt man entweder gar nicht zur Anwendung, weil die Situationen, für die diese Methoden entwickelt wurden, so nicht eintreten. ‚Blindgänger‘ ist wohl der Fachausdruck für solche Vorlagen.“
[6] „Da hat uns der Krieg am Schlafittchen, und so ein lausiger Blindgänger macht sich Sorgen, daß ich ihm ein Kotelett wegfressen könnte. Eigenartige Sitten herrschten beim Divisionsstab.“
[6] „Da kann so mancher ‚Blindgänger‘ jüngeren und besseren Kräften den Weg in eine höhere Laufbahn verbauen. Und hier sind die Vorwürfe gegen das Elitäre des Generalstabsdienstes vollauf berechtigt.“
[11] „So heißen leere Wein- oder Bierflaschen […] B l i n d g ä n g e r.
[12] „Als Kontrast, das der freigemachten Wamme in den Äther Entweichende: ein dumpfes, über stählern wirkende Rippenbögen und kapriziös geschwungene Wirbel sich zusammenbrauendes Gewitter, dessen nachfolgend paradoxes, infantil-obszönes Klangkonzert unvermeidlich an peinlich laute Fürze erinnert. Aber, Gott sei Dank, das sind nur magenrumpelnde »Blindgänger«.“
[18] „»Ich will mich wirklich nicht wieder mit diesem Ekel abmühen, heute.« »Mindestens kriegst du von dem keine Kopfschmerzen. Der Dicke gestern Abend, der schafft es absolut nicht, wenn er nicht so schrill wie eine Sirene kreischt. Erst kreischt er und dann schreit er: ‚Jetzt kommt’s und ist kein Blindgänger.‘[…]«“
[23] „Ein Mann mit einer plötzlich auftretenden, vorübergehenden Impotenz hat eine Ladehemmung, stellt er sich für längere Zeit als impotent heraus, ist er ein Blindgänger.
[23] „Von Tag zu Tag wächst meine Angst. Ich - ein Impotenter? Ein taubes Ei? Ein Blindgänger? Als der Arzt mir das Gegenteil mitteilt, hätte ich ihn umarmen können.“
[23] „Wer zu viel von Liebe sprach, war ein Weichei, wer mit 25 noch keine Kinder hatte, ein unfruchtbarer Blindgänger.
[24] „Edna heizte nun den Ofen im Wohnzimmer, und obwohl wir im selben Raum saßen, sprach sie genauso laut weiter: ‚Und dein Mosmann ist auch so ein Blindgänger! […]Und du gibst für den armen hilflosen Menschen dein Studium auf, erziehst seine Kinder, wäschst seine Hemden, gehst arbeiten, damit er sich ein Auto kaufen kann - und jetzt, jetzt hat er ’ne andere!‘“
[24] „Der Przimissel. Auch wieder so ein Blindgänger. Und da soll man noch etwas Gutes über die Männer sagen.“
Redewendungen:
[16] umgangssprachlich: bevölkerungspolitischer Blindgänger, sozialpolitischer Blindgänger
umgangssprachlich: Vorsicht, Blindgänger!
umgangssprachlich: fernsehtechnischer Blindgänger
umgangssprachlich: geistiger Blindgänger
umgangssprachlich: pädagogischer Blindgänger
Übersetzungen:


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